DIE NBA SUMMER LEAGUE – WELTMARKT IN DER WÜSTE

medi bayreuths sportlicher Leiter, Matt Haufer, berichtet aus Las Vegas

Las Vegas, das Spielerparadies. Ein Namenszusatz, der ähnlich geläufig ist wie “Wagnerstadt” im Bayreuther Kontext. Jedes Jahr im Juli erhält diese Bezeichnung eine doppelte, Basketball-relevante Bedeutung. Denn seit nunmehr 15 Jahren lädt die NBA alljährlich zum Stelldichein in der Wüste Nevadas. Gerade einmal sechs Mannschaften waren bei der Premiere 2004 dabei, inzwischen sind alle 30 NBA-Teams mit von der Partie. Aus 13 Spielen wurden 83, aus circa 60 teilnehmenden Spielern über 300. Eine Insider-Veranstaltung für NBA-Scouts und Statistiknerds hat sich in ein Top-Event mit Fernsehpräsenz und Social Media-Coverage gewandelt. LeBron James kommt regelmäßig, ebenso James Harden und Anthony Davis. Viele Fans interessiert die sportlich eigentlich irrelevante Summer League inzwischen mehr als die reguläre Saison, weil sie nur dort den in der Ära der Breaking News so wichtigen allerersten Eindruck der neuen viralen Sensationen erhaschen können.

Aber warum das Ganze? Zum einen möchten die NBA-Franchises, die inklusive ihrer Farmteams in der G-League inzwischen einen enormen Spielerbedarf abdecken müssen und bis zu 30 Profis auf die eine oder andere Weise unter Vertrag halten, in kurzer Zeit so viele Akteure wie möglich zu Gesicht bekommen. Die Kader setzen sich dementsprechend aus den gerade aus den Colleges gedrafteten Rookies, aber auch aus zahlreichen “Free Agents”, also zu diesem Zeitpunkt vertragslose Spieler, aus aller Welt zusammen. Mit Eric Mika, der bei den Sacramento Kings derzeit groß aufspielt, Trey  Lewis (Portland Trail Blazers), Gabe York (Orlando Magic), Kassius Robertson (Charlotte Hornets) und Adonis Thomas (Toronto Raptors) sind alleine fünf ehemalige HEROES OF TOMORROW dabei und greifen nach ihrem NBA-Traum. Zum anderen nutzt die Liga den Wettbewerb, um Regeländerungen auszuprobieren, Schiedsrichter zu testen oder ihre Coaches weiterzubilden.

Die wichtigste Funktion des Sommerzirkus aber erinnert mehr an Marrakesch als an Nevada: wie auf dem berühmten Basar in der marokkanischen Wüste wird auch in Las Vegas gehandelt, gefeilscht und geboten. Sämtliche Spielervermittler der Branche versuchen vor Ort den Wert ihrer Schützlinge zu taxieren und im Idealfall zu maximieren. Vor dem Cox Café, einem fettigen Imbiss zwischen den beiden Summer League-Spielstätten, dürften mehr Verträge abgeschlossen werden als im gesamten Restsommer. Für die in den letzten Jahren immer stärker vertretenen Klubs aus Europa wird die Luft dabei dünner: Während man früher noch proaktiv nach Wunschliste auswählen konnte, gilt es heute erst einmal auszuloten, welche Spieler sich überhaupt ein Engagement jenseits des Atlantiks vorstellen können. Die NBA G-League bietet inzwischen diverse einigermaßen lukrative Möglichkeiten, in der Heimat zu verbleiben – und dann sind da ja auch noch die “big spender” aus China, Korea und Japan, die in den Hallengängen im übertragenen Sinne mit Geldscheinen wedeln. Für eine Organisation wie medi bayreuth, die sich im Gehaltssegment der “unteren Mittelklasse” bewegt, gilt es daher mehr und mehr, die Summer League zu nutzen, um Akteure zu diskutieren, die gar nicht an selbiger teilnehmen, sondern vielleicht bei einem der unzähligen anderen Camps auftreten, die sich im Dunstkreis des main events zu positionieren versuchen. Und manchmal gelingt es ja doch noch, mit einer Mischung aus guter Reputation, geschultem Auge, Verhandlungsgeschick und Glück einen Protagonisten der Summer League nach Oberfranken zu locken – Hassan Martin lässt grüßen.

Las Vegas ist aber keinesfalls eine basketballerische Einöde, wenn der NBA-Zirkus nach zehn Tagen die Stadt wieder verlässt. Das riesige Thomas & Mack Center ist mit seinen knapp 20.000 Plätzen im “Hauptberuf” die Heimat der UNLV Runnin' Rebels. Das traditionsreiche Collegeprogramm hat in den letzten Saisons zwar eher unterperformt, konnte sich aber 1990 den NCAA-Titel sichern und hat klangvolle Namen wie Larry “Grandma” Johnson (NBA-Allstar bei den Charlotte Hornets), Stacey Augmon (Atlanta Hawks) oder Greg Anthony (New York Knicks, heute Fernsehkommentator) hervorgebracht. Dem inzwischen verstorbenen Meistertrainer Jerry Tarkanian hat man vor dem Halleneingang ein Denkmal errichtet.

Über kurz oder lang dürfte die “Stadt der Sünde” auch ihr eigenes NBA-Team bekommen. Eine WNBA-Franchise ist mit den Las Vegas Aces bereits vorhanden, diverse geeignete Arenen stehen zur Verfügung. Bis es jedoch so weit ist, wird im Basketball-Kalender Nevadas der Juli der heiße Monat bleiben und Fans und Protagonisten der Sportart im Sommer in die Wüste pilgern. Denn nur hier erhalten sie einen Vorgeschmack auf das, was im weiteren Saisonverlauf auch im echten Wettkampf passieren könnte. “What happens in Vegas stays in Vegas” - im Basketball ist genau das Gegenteil der Fall.