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"Unter vier Augen" - Gert-Dieter Meier im Gespräch mit Marcus Thornton

Der Bayreuther Werf-Arbeiter

Neu bei medi bayreuth: Shooting Guard Marcus Thornton (28) – Die Playoffs als Ziel

 

Rückblick: In der abgelaufenen Saison absolvierte Marcus Thornton 33 Spiele für Chemnitz, kam mit durchschnittlich 28:29 Minuten auf die meiste Einsatzzeit aller NINERS-Akteure und markierte im Schnitt 13,9 Punkte. Besonders stark seine Dreierquote: Bei 200 Versuchen war er bei knapp 40 Prozent seiner Würfe erfolgreich. Das kommt nicht von ungefähr. Kein Wunder also, dass ihm der Chemnitzer Trainer Rodrigo Pastore eine große Zukunft prophezeit hat: "Marcus bringt tolle Anlagen mit. Wenn er weiter hart arbeitet, sich defensiv und in Sachen Spielgestaltung verbessert, hat er das Potenzial, sich unter den besten Guards in Deutschland zu etablieren."

„Alles eine Frage des Übens“

Wer nun glaubt, dass Thornton (28) seine Fähigkeiten in den Schoß gelegt wurden, irrt. Er ist nicht nur ein sympathischer Typ, sondern auch ein Perfektionist. Er will immer siegen – und weiß ganz genau, dass dieser Plan nur klappen kann, wenn er selbst extrem hart dafür arbeitet. Deshalb sieht man ihn häufig alleine in der Halle beim Wurftraining bevor seine Kollegen in die Halle kommen oder nachdem sie schon gegangen sind. Er wirft einen Dreier nach dem anderen, auch schon mal mehrere Hundert am Tag. Als ob er sich die Wurfabläufe ganz exakt einhämmern will. „Treffen“, sagt er, „ist nur eine Frage des Übens. Und ich will mich immer und überall voll auf meine Wurfqualitäten verlassen können, ohne nachdenken zu müssen. Dafür arbeite ich jeden Tag auch in Extraschichten.“ Und wie erklärt sich das Mentalitätsmonster Thornton, dass dennoch nicht jeder Wurf sein Ziel findet? „Kann ich wirklich nicht sagen – eigentlich müssten alle Würfe sitzen so oft wie ich trainiere“, scherzt er. Weil das aber nicht der Fall ist, trainiert er halt weiter. Immer weiter.

Der Go-to Guy

Thornton ist ein geborener Leitwolf, ein Go-to Guy. Einer, der sein Team mitreißen, das Publikum begeistern und ein Spiel entscheiden kann. Und genau wegen dieser Qualitäten und weil er in entscheidenden Phasen auch Verantwortung für das Team übernimmt, hat ihn Head Coach Raoul Korner, der besonders von seinen Qualitäten als Shooting Guard angetan ist, zunächst für ein Jahr nach Bayreuth gelockt. Obwohl Thornton noch andere Angebote hatte. Seine Motivation, bei medi bayreuth in der neuen Saison nicht nur mitzumischen, sondern voranzugehen? „Ich hatte sehr gute Gespräche mit Raoul Korner – und mir gefällt seine Philosophie und sein Plan. Der Coach hat viel vor – mit der Mannschaft und mit mir. Ich soll einer der Schlüsselspieler in seinem Puzzle sein. Das motiviert mich ungemein“. Und also redet er auch nicht lange um den heißen Brei herum, wenn es um seine persönliche Erwartungshaltung geht: „Ich will ein Leader sein im Team. Ich will in die Playoffs. Und mich auf europäischer Ebene durchsetzen.“ 

Und weil er ein klares Ziel vor Augen hat, hat er auch einen klaren Plan was seine Ernährung anbelangt. „Ich bin kein Veganer, aber ich versuche mich möglichst gesund zu ernähren“, sagt der 28-Jährige. Fleisch? Ab und zu Hähnchen, auch Eier, aber kein rotes Fleisch – also auch keine Burger. Thornton: „Eine gesunde Ernährung ist extrem wichtig für die sportliche Leistung. Und ich habe mir angewöhnt, da möglichst konsequent zu sein. Je fitter der Körper, desto besser das Spiel.“

„Nette Stadt, dieses Bayreuth!“

Rund drei Wochen ist Thornton nun schon in Bayreuth. Er wohnt in einer möblierten Wohnung, hat ein Auto zur Verfügung und gewöhnt sich so langsam an die neue Heimat. Zwar hat er schon eine Stadtführung hinter sich, aber das reicht natürlich noch lange nicht, um sich ein richtiges Bild von der Stadt zu machen. „Nett“ sei es hier, sagt er lächelnd, und angenehm. Überrascht war er dann aber doch, dass Bayreuth nur rund 75.000 Einwohner hat, während in Chemnitz rund 250.000 Menschen wohnten. Sei’s drum, er freut sich auf die Stadt, die Fans, eine hoffentlich bald mal wieder volle Oberfrankenhalle. Thornton hat schon in der Halle gespielt, aber diese Erinnerungen sind nicht wirklich prickelnd: Die Halle war menschenleer, das Spiel gegen Bayreuth ging mit 72:85 verloren wie das Hinspiel in Chemnitz (61:83). Thornton: „Wir hatten Verletzungspech, müde Beine – und keine Chance“. 

Nach vorne schauen

Stichwort Niederlagen: Braucht er lange, um verlorene Spiele zu verarbeiten? „Nein, überhaupt nicht!“, sagt Thornton und lächelt. Er steckt Niederlagen schnell weg, schaut lieber nach vorne: „Ich kann nach dem Spiel ohnehin nichts mehr ändern. Deshalb konzentriere ich mich lieber darauf, was kommt. Und bereite mich möglichst gut vor.“ Will heißen: Weiter trainieren, hart arbeiten. Um dann auch wieder gewinnen. Denn nur darum geht es ihm.

… und irgendwann Kinder

Zeit, um sich um seinen Sport zu kümmern, hat der Modellathlet (1,93 Meter groß, 86 Kilo schwer) derzeit mehr als genug. Denn er ist quasi auf sich alleine gestellt. Seine Verlobte Erin, eine frischgebackene Ärztin, lebt in North Carolina und ist dort genauso wenig abkömmlich wie er in Bayreuth. Also führt er, wie viele andere Basketballprofis auch, eine Fernbeziehung. Und hofft darauf, dass man irgendwann, irgendwo auf der Welt durch eine glückliche Fügung wieder zusammenkommt, um die nächsten Schritte bei der Familienplanung zu gehen: Hochzeit und dann, unbedingt, Kinder! Einstweilen bleibt aber nur das Skypen. Und auch über die Weihnachtstage wird es wohl nicht zum Besuch der Verlobten in den USA reichen – der enge Spielplan der BBL lässt keinen Spielraum für eine ordentliche Christmas-Sause. Langfristig, daran lässt er keinen Zweifel, wäre eine Rückkehr in die USA aus gleich zwei Gründen ein Traum: Um dort seine Familie zu gründen. Und um in der NBA zu spielen.

Auch Geschwister spielen Basketball

Thornton, geboren in Prince George's County in Maryland, hatte schon als Kind nur einen Traum: Basketball zu spielen: „Ich wusste zwar nicht, wie weit ich kommen würde, aber ich wollte das unbedingt machen.“ Das liegt wohl auch an den familiären Genen: Sowohl sein älterer Bruder als auch seine Schwester spielten High-School-Basketball. Seine Eltern, die noch immer an seinem Geburtsort leben, erkannten früh sein Talent – und seinen Ehrgeiz. Er besuchte zunächst die Bishop McNamara High School, dann das College of William & Mary in Williamsburg in Virginia (Abschluss: Kinesiologie). Dort überzeugte Thornton vollends – weshalb er im NBA Draft an 45. Position von den Boston Celtics ausgewählt wurde. Nach acht Spielen in der Summer League wechselte er nach Sydney. Dort startete Thornton seine Profikarriere, die ihn schließlich über viele Stationen nach Chemnitz führte, wo er zum Publikumsliebling avancierte. 

„Deutsch? Schrecklich schwer“

Und wie ist es um seinen Ehrgeiz bestellt, die deutsche Sprache zu lernen? „Schrecklich!“, sagt er mit verzweifeltem Blick und einem Lächeln auf den Lippen, „ich kann glaube ich nur ein Wort: Dankeschön! Zwar verstehe ich das eine oder andere Wort, aber Deutsch sprechen geht gar nicht“. Was man auch nachvollziehen kann, denn die quasi amtliche Sprache im Basketball ist Englisch. Die spricht man auf dem Parkett und in der Basketball-Bubble. Deshalb sprechen so wenige Spieler Deutsch. Auch in seinen früheren Stationen – in Italien, Frankreich, der Türkei oder Korea. 

Zusammenfinden heißt die Zauberformel

Nach dem ersten Testspiel im medi-Trikot gegen Heidelberg war er einigermaßen zufrieden mit sich und dem Team: „Wir haben schon einiges richtig gemacht. Und als Team schon ganz gut funktioniert. Wir haben viele gute Spieler. Und müssen jetzt im Trainingslager richtig zusammenfinden. Denn am Ende entscheidet neben der Qualität der einzelnen Spieler vor allem der Team-Spirit darüber, wie weit vorne wir in der Liga landen.“  Was er an Head Coach Raoul Korner besonders schätzt: Die ruhige, verbindliche Art; seine Idee vom Basketball; und dass er sehr intensiv auf die Spieler eingeht, mit ihnen redet und wie er das Team formt: „Das schweißt uns zusammen!“

Thornton mal zwei

Wer über Marcus Thornton im Internet recherchiert, kommt vermutlich, früher oder später, ins Grübeln. Denn da gibt es gleich zwei Marcus Thornton, die schon viel erreicht haben im Basketball. Neben Marcus Alexander Thornton (das ist die medi-Neuverpflichtung), spielte auch Marcus Terrell Thornton Basketball – von 2009 bis 2017 in der NBA. Persönlich kennen sich die beiden Thorntons nicht näher, verwandt sind sie auch nicht. Nur einmal standen sie sich auf dem Parkett gegenüber. Ob es häufig zu Verwechslungen komme zwischen den beiden? Ja, lacht Marcus Thornton und ergänzt „dabei sollte man mich doch an meinen Dreadlocks erkennen!“

Dreadlocks als Markenzeichen

Die Dreadlocks sind so etwas wie das Markenzeichen des eher stillen und wenig extrovertierten Amerikaners. Er trägt sie seit dem 17. Lebensjahr und hat aktuell keine Absicht, die Zöpfe abzuschneiden: „Ich mag sie einfach, sie gehören zu mir“, sagt er. Fragen zu seiner Haarpracht ist er gewöhnt: „Oh ja, ich werde sehr oft darauf angesprochen. Ob die echt sind. Seit wann ich die habe. Warum ich die habe.“ Und hier seine Antworten: Ja, die sind echt! Er trägt sie seit er etwa 17 ist, weil er damals seinen Haarschnitt nicht mochte. Und weil er so keinerlei Aufwand mehr mit seinen Haaren hat. Mit einer besonderen Liebe zu Reggae Musik oder -musikern wie Bob Marley also hatte und hat die besondere „Frise“ also rein gar nichts zu tun.

Trainieren, essen, schlafen

Gleichwohl spielt Musik natürlich eine große Rolle in Thorntons Leben. Vor allem Rap und Hip-Hop hört er gern, auch R&B (Rhythm and Blues). Und klassische Musik, etwa Wagner? Da winkt er ab! Wer nun glaubt, dass es, wie bei fast allen Basketballspielern, seine bevorzugte Freizeitgestaltung sei, an der Konsole NBA zu spielen, irrt: „Nein, davon bin ich schon länger weg“, sagt Thornton, er schaut lieber Serien auf Netflix. „All American“, „The Blacklist“, „Suits“ oder "Lupin“ gehören zu seinen Lieblingsserien, ebenso wie „House of Cards“. Ansonsten seien die Tage aber ziemlich fest durchgeplant: Zweimal täglich Training, essen, ausruhen, schlafen. Und natürlich Bälle werfen…

Wachsam bleiben

Thornton hat die USA verlassen kurz bevor Donald Trump US-Präsident wurde. „Dass er tatsächlich gewählt wird, hätte ich niemals für möglich gehalten“, sagt er rückblickend und betont, dass dieser Präsident das gesellschaftliche Klima in den USA radikal verändert habe. Und er findet es auch richtig und wichtig, wenn Sportler in der NBA ihre Stimme erheben gegen Rassismus und Unmenschlichkeit, wie sie etwa Georg Floyd widerfahren ist, der durch einen Polizisten im Einsatz getötet wurde: „Es ist gut, wenn bekannte Sportler ihre Popularität dafür nutzen, um gegen solche grausamen Taten zu protestieren.“ Er selbst würde da auch mitmachen, sagt Thornton. Zwar seien ihm persönlich noch keine verrückten Dinge widerfahren, sagt er, aber: „Rassismus ist überall“, da gelte es, wachsam zu bleiben.  

Warten auf den Saisonauftakt

Aber jetzt fiebert Thornton vor allem einem Ereignis entgegen: Dem Saisonauftakt. Spiele, sagt Thornton, ist immer besser als Training. Eine Erkenntnis, die Thornton und die Fans zu hundert Prozent teilen. Wann man Thornton wieder in Bayreuth erleben kann? Beim expert Jakob Cup am 18. und 19. September.