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"Unter vier Augen" Teil 2 des Interviews mit Kevin Wohlrath

Feuer frei in Bayreuth (Teil2)

medi bayreuths Neuzugang Kevin Eduardo Wohlrath (26) über Emotionen, Spektakel und die Kraft des Basketballsports  

 

von Gert-Dieter Meier

 

Und wie ist das Gefühl, wenn er an der Freiwurflinie steht und die gegnerischen Fans im Hintergrund versuchen, ihn durch Geschrei und Fahnen und Trommeleinsatz nach allen Regel der Fan-Kunst zu verunsichern? „Um das zu überstehen, hast du deine Routinen, das trainieren ja auch die Coaches mit dir, dass du dich da nicht ablenken lässt. Meist liegt es an dir selbst, wenn was nicht richtig läuft, nicht an den Umständen. Man muss eben fokussiert sein.“  Sagt’s, und gesteht, dass das nicht leicht sei. Weil im Profisport „schon ordentlich Druck auf dem Kessel ist“, wie er sagt; gerade bei jüngeren Spielern.

In einer Pressemitteilung von medi bayreuth wird der Neuzugang wie folgt zitiert: „Ich freue mich sehr ein Teil der HEROES OF TOMORROW zu werden und in Bayreuth den nächsten Schritt machen zu können. Man hat mir schon sehr viel von der Oberfankenhölle und der großartigen Atmosphäre dort erzählt. Ich kann es kaum erwarten, hart zu arbeiten und in der Halle diese tolle Stimmung zu erleben.“ Die Frage an ihn: „Bist du ein harter Arbeiter oder brauchst du den Druck von Trainern, Mitspielern oder anderen?“ Ja, sagt er, „ich würde mich tatsächlich als harten Arbeiter bezeichnen. Aber das war nicht immer so. Das hat durchaus ein bisschen gedauert, bis ich diese Mentalität wirklich angenommen habe. Aber ich hatte auch die richtigen Leute, die mir den richtigen Weg gewiesen haben.“ Was Wohlrath antreibt: „Es ist einfach ein geiles Gefühl zu erleben, wie man Stück für Stück besser wird und sich die harte Arbeit gelohnt hat.“ Und wenn’s mal nicht klappt mit einem Sieg, kann er auch gut verlieren? „Jein“, sagt Wohlrath. Natürlich möge es niemand, als Verlierer vom Platz zu gehen. Aber er schleppe so eine Niederlage nicht wochenlang mit sich herum, sondern versuche eher, sie in Motivation zu verwandeln. Jetzt erst recht…   

Einer, der ihn schon sehr lange kennt und in seiner Berliner Zeit viel mit ihm gearbeitet hat, ist Mauro Parra. Und natürlich ist es kein Zufall, dass Parra also neuer Assistant Coach von Raoul Korner ist, Wohlrath an den Roten Main geholt hat. Die Erwartungshaltung Korners ist denn auch hoch: „Er bringt die physischen Voraussetzungen für die BBL mit, ist ein sehr guter und bissiger Verteidiger und verfügt über einen guten Distanzwurf. Außerdem passt er von seiner Persönlichkeit perfekt zu unserem Anforderungsprofil. Ich freue mich sehr, Kevin in unserem Team zu haben.“ Parra hat unterdessen ein intensives Trainingsprogramm mit Wohlrath durchgezogen. Nicht in Bayreuth, sondern in Berlin trainierte der spanische Coach täglich drei Stunden lang mit dem Neu-Bayreuther in einer Alba-Trainingshalle. Wohlrath: „Ich finde es klasse, dass so etwa möglich ist. Mir macht das irre viel Spaß! Und ich bin Mauro dankbar, dass er sich dafür Zeit nimmt.“ 

Nun also Bayreuth. Welche Ziele er für sich definiert hat? „Ich will alles aus mir rausholen, was geht, um mit der Mannschaft erfolgreich sein. Ich will mich in der ersten Liga bewähren. Und werde dafür richtig Gas geben! Bayreuth ist für mich eine große Chance.“ 

Und was sagt er zum neuen Team, mit dem er zusammenarbeiten wird? „Sehr, sehr coole Truppe!“ Er brenne darauf, Basti Doreth, Andreas Seiferth und all die anderen kennenzulernen; und mit ihnen zu spielen. 

Dass Menschen wegen ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe – wie unlängst bei der Fußball-EM - oder auch aufgrund ihrer Lebensweise geschmäht, beleidigt, gedemütigt oder sogar angegriffen werden, findet Wohlrath unsäglich. Gerade Basketball sei eine Sportart, die internationaler gar nicht sein könne. Man lerne dort Menschen aus vielen verschiedenen Ländern kennen, man erfahre viel über andere Kulturen, auch über andere Glaubensrichtungen. Und das, findet der Berliner, sollte eigentlich zu mehr Weltoffenheit führen statt zu Ausgrenzung. Wohlrath: „Ich finde es immer wieder faszinierend, die Geschichten anderer Menschen kennenzulernen; zu erfahren, in welchem Kulturkreis sie aufgewachsen sind und zu erleben, dass am Ende alle nur eines wollen: Gut zu leben und frei zu sein.“ Rassismus, sagt Wohlrath, habe im Sport nichts zu suchen. Er findet es daher auch gut und wichtig, sich als Profisportler laut und deutlich gegen Rassismus und Ausgrenzung auszusprechen. Weil Sportler Vorbilder seien und häufig eine große Medienpräsenz hätten. Nur sollte man das auch nicht übertreiben. Denn auch der Sport an sich stehe ja für Werte, die in die Gesellschaft strahlen: Respekt, gegenseitige Achtung, Spielregeln, Fairplay. 

Sicherlich eine ungewöhnliche Frage an einen Sportler mit gerade mal 26 Jahren, der womöglich noch eine große Karriere vor sich hat: Ob er heute schon an die Zeit nach dem Basketball denke… Wohlrath überlegt kurz, dann kommt ein deutliches Ja! Zum einen hätten die Eltern und Mauro Parra ihm geraten, frühzeitig auch über eine Zukunft abseits des Platzes nachzudenken. Zudem habe die Corona-Pandemie ihn motiviert, sich entsprechende Gedanken zu machen. Ihm schwebt ein Studium vor, vermutlich in der Fachrichtung International Business und Management. 

Kevin Wohlrath ist im Gespräch sehr freundlich, höflich und eher zurückhaltend. Eigenschaften, die ihm seine Mutter beigebracht hat, wie er sagt, die man auf dem Parkett aber doch sicherlich auch mal wegpacken muss. Deshalb die bewusst überspitzt formulierte Frage an ihn: „Muss man auf dem Spielfeld nicht auch mal ein Drecksack sein?“ Wohlrath überlegt kurz, lacht und haut dann die einzig mögliche Antwort raus: „Na klar, das gehört auch dazu! Man will gewinnen. Und es geht um Emotionen. Da kann es schon mal passieren, dass man überdreht.“ Hauptsache, man findet auch wieder zurück auf „Normalnull“. Aber da besteht bei Kevin Wohlfahrt keinerlei Grund zur Sorge.